Nonliner - Neue Rollen beim Lernen
Jeder von uns hat seine eigenen Erfahrungen mit dem Lernen und weiß oft auch sehr genau, wie er anderen etwas vermitteln würde. Die Frage ist jetzt allerdings, wie man von diesen Erfahrungen ausgehend ein Lernangebot für die Gruppe der digitalen Außenseiter - oder auch Nonliner genannt - organisiert. Ich habe dazu bereits früher auf das durchschnittliche Alter dieser gesellschaftlichen Gruppe hingewiesen: rund 65 Jahre . Man kann von Personen ausgehen, die vorwiegend weiblich und nicht berufstätig sind, eine überwiegend geringe formale Bildung und ein unterdurchschnittliches Haushaltseinkommen haben (Sonderstudie im Rahmen des (N)ONLINER Atlas 2011).
Die Untersuchung hat auch festgestellt, dass nahezu kein Wissen zum Themenbereich Computer und Internet vorhanden ist, allenfalls ist der Mail-Dienst bekannt. Auch die für die Nutzung von Computer und Internet erforderlichen Kompetenzen sind verschwindend gering. So sind höchstens geringe Kompetenzen in der einfachen Textverarbeitung vorhanden.
Von diesen Vorraussetzungen ausgehend, habe ich in den vorherigen Kapiteln die Start-Anwendungen (Browser, Mail, Telefonie) und die Technik (Tablet-PC, geschlossenes System eines möglichst großen Herstellers) beschrieben. Man erspart sich in diesen geschlossenen Systemen die - nicht nur Einsteigern - unangenehmen und oft unverständlichen Dinge, wie regelmäßige Datensicherung, Antiviren-/Antispysoftware, Firewall usw. Dabei sichert man sich gleichzeitig den Zugang zu einer großen Zahl von Anwendungen, was sicher im Laufe der weiteren Nutzung sehr geschätzt werden wird.
Erste Hilfe
Es wird schnell verständlich, dass dem betroffenen Kreis bei der Nutzung geholfen werden muss. Das ist besonders für den Start wichtig, denn auch ein Tablet-PC muss zunächst einmal beim WLAN-Router angemeldet und beim Hersteller registriert werden. Auch ein E-Mail-Account will eingerichtet sein. Ideal wäre es, wenn dies in einer Kostenpauschale beim Kauf enthalten wäre. Sonst liegt hier die erste wichtige Hilfe eines Paten, der z.B. in einem Verein oder einem Lerncafe bereit steht.
Nach dieser ersten Hilfe sollte dann allerdings darauf geachtet werden, dass die bisherigen Außenseiter möglichst bald an die selbstständigen Handhabung der für sie ungewohnten Technik herangeführt werden. Das geschieht nach meinen Erfahrungen am besten, wenn umgehend kleine Aufgaben zu erledigen sind. So könnte z.B. abgesprochen werden, das dem helfenden Paten vor dem nächsten persönlichen Treffen eine E-Mail gesandt wird. Spätestens bei diesem Treffen sollte eine Kommunikation mit Skype erprobt werden, denn nur dann ist der Einsteiger in der Lage selbstständig den Paten bei Fragen zu kontaktieren. Ich habe dabei gute Erfahrungen mit vorher per E-Mail abgesprochenen und maximal einstündigen Terminen gemacht.
Das Verhältnis Lerner/Pate erfordert jetzt in vielen Fällen einen Wandel im wohl beiden Partnern bekannten Rollenverständnis.
Paten
Meine Beobachtungen zeigen, dass Paten sich mehr am eigenen schulischen Erleben und viel weniger an aktuellen Beobachtungen, z.B. am Lernen der Enkel, orientieren. Für einen Paten ist daher die Versuchung groß, bei Fragen in großer Ausführlichkeit die Gesamtproblematik zu erklären und in speziellen Anleitungen jeden Schritt zu dokumentieren.
Oft helfen hier besser einfache Screenshots mit stichwortartigen Hinweisen für die ersten Schritte. Dann sollte man den Lernenden in die Selbstständigkeit entlassen und lediglich gezielte Hilfe anbieten. Hierzu erstellen die Paten zweckmäßigerweise Übungen, in denen Computer und Internet praktisch genutzt werden müssen. Diese Übungen sollten möglichst aus dem Interessenbereich der Lerner kommen. So leuchtet es ein, dass sich ein an Reisen Interessierter eher für Möglichkeiten zur Onlinebuchungen bei der DB interessiert, als ein Fußball-Fan, dem man besser Sport-Anwendungen zeigt.
Lerner
Auch für die Lerner wird sich zunächst eine ungewohnte Situation ergeben. Sie fordern leicht vom Paten die Rolle des allumfassenden Experten ein, der das Problem für sie löst. Gerade für den hier angesprochenen Kreis der digitalen Außenseiter dürfte das Erlernen eines nicht zum täglichen Alltag gehörenden Stoffes sehr lange zurück liegen - vielleicht sogar Jahrzehnte. Oft werden auch sie sich wohl eher an ihre Schulsituation erinnern.
Dieses selbstständige Lernen, bei dem einerseits Fehler gemacht werden können, andererseits aber auch Erfolge erlebt werden können, ist aber sehr, sehr wichtig! Hier eine örtliche Trennung, z.B. über ein Gespräch mit Skype, denn dann kann der Pate nicht aktiv ins Geschehen eingreifen Merke: Der Pate erklärt, der Lerner muss selbst handeln!



